Die Gefahren von Enhanced E-Books für Kinder, und wie man ihnen begegnet

Unsere Kinder wachsen heute in einer zunehmend digitalen und vernetzten Welt voller elektronischer Geräte und Möglichkeiten der Zerstreuung  auf. Die Vielfalt an neuen, mobilen Unterhaltungsmedien aufgrund der technischen Entwicklungen der letzten beiden Jahrzehnte stellt für Kinder ein großes Abenteuer, für Eltern aber eine immense erzieherische Herausforderung dar. Denn die elektronischen Medien sind mittlerweile so omnipräsent, dass man Kinder, selbst wenn man das wollte, nicht von deren (potentiell negativen) Einflüssen fernhalten kann.

Kein Wunder, dass das Thema Smartphones und Tablets für Kinder seit der Markteinführung dieser Geräte beständig und überaus kontrovers diskutiert wird. Auch Enhanced E-Books und Apps sind in diesem Zusammenhang regelmäßig ins Kreuzfeuer geraten.

Doch wo liegen die Gefahren von Enhanced E-Books für Kinder, und wie kann man diesen begegnen? Und können Kinder vielleicht auch von angereicherten Buchprodukten profitieren?
In diesem Beitrag erfahren Sie, welche  grundlegenden Probleme der bedenkenlosen Nutzung von Enhanced E-Books und Apps im Wege stehen, und was Sie beachten müssen, wenn Sie Ihre Kinder vor den Gefahren bewahren, aber gleichzeitig von den Vorzügen von Enhanced E-Books profitieren möchten.

Beeinträchtigung der Immersionsfähigkeit und Aufmerksamkeit

Immersionsfähigkeit beschreibt die Fähigkeit, während des Lesens in eine Geschichte eintauchen und äußere Einflüsse ausblenden zu können. Diese Fähigkeit zum Kopfkino regt unsere Fantasie an, lässt uns besser mit den Figuren einer Handlung mitfühlen und Inhalte intensiver erfahren. Enhanced E-Books und Apps können die Immersionsfähigkeit des Rezipienten stören, indem der Leser durch äußere Reize aus der Geschichte gerissen wird. Diese Reize können eingespielte Geräusche, optische Effekte oder auch motorische Reize (z.B. Vibration) sein.

Besonders Kinder können durch derartige Reize schnell gestört werden, da sie in der Regel über eine geringere Aufmerksamkeitsspanne verfügen als Erwachsene und leichter abgelenkt werden können. Und da grundsätzlich jede Art der multimedialen und interaktiven Anreicherung  störend wirken kann, gibt es verständlicherweise große Vorbehalte auf Seiten vieler Eltern gegenüber Nutzung solcher Produkte für die eigenen Kinder.

Dieser Gefahr der Immersionsstörung kann aber begegnet werden! Denn nicht jedes Enhanced E-Book oder jede Buch-App hat derart negative Auswirkungen auf Kinder, wie gerne postuliert wird. Im Gegenteil, Medienwissenschaftler wie James und De Kock sind davon überzeugt, dass Multimediaeinbindung und Interaktion bei Buchinhalten sogar zu einer erhöhten Immersion und tieferen Auseinandersetzung mit Inhalten führen kann.

Hierfür müssen Anreicherungen aber gezielt und ganz bewusst eingesetzt und klar auf die jeweiligen entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der Kinder eingegangen werden. Und darauf müssen sowohl Verlage bei der Contenterstellung, als auch Eltern bei beim Erwerb der Inhalte achten.

Anreicherungen sollten immer unterstützend eingesetzt werden

Im Vordergrund stehen die Inhalte, also in der Regel Botschaft, Lernziel oder Handlung, nicht die tollen multimedialen Features. Daher macht es keinen Sinn, ein Enhanced E-Book mit Funktionen, Animationen und interaktiven Elementen zu überfrachten, nur um zu zeigen, was die technischen Möglichkeiten hergeben. Stattdessen sollten Anreicherungen gezielt dazu verwendet werden,  Botschaften zu unterstreichen, Wichtiges hervorzuheben, Emotionen zu verstärken und sich harmonisch in das Gesamtbild der momentanen Handlung einfügen.

Anreicherungen sollten den Lesefluss nicht unterbrechen

Gerade beim Linearen Lesen sollte der Lesefluss nicht unnötig unterbrochen werden, damit Kinder die Texte besser verstehen und Zusammenhänge leichter erkennen können. Sie sollten hier darauf achten, dass den Lesefluss störende Anreicherungen wie Videoclips, Spiele und dergleichen nicht mitten im Fließtext auftauchen, sondern vor oder nach abgeschlossenen Textpassagen oder Kapiteln erscheinen. Dort können diese einen geeigneten Rahmen schaffen, bisher Erfahrenes zusammenfassen und damit zum Textverständnis beitragen, Spannung erzeugen und die Auseinandersetzung mit Themen und Handlung vertiefen.

Anreicherungen sollten zur bewussten Steuerung der Aufmerksamkeit eingesetzt werden

Studien an Vorschulkindern haben gezeigt, dass  Enhanced E-Books insbesondere bei Kindern mit Migrationshintergrund erheblich zum Textverständnis und zum Erfassen von Emotionen der Protagonisten beitragen. Aber auch Kinder ohne Migrationshintergrund können durch die gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit durch Effekte und Animationen von Anreicherungen profitieren.

Wird beispielsweise ein potentiell unbekanntes Wort während dem Abspielen der Vorlesefunktion an der entsprechenden Stelle in einem Bild hervorgehoben (man denke an eine Vase, die zu wackeln beginnt), hilft das dem Kind, eine Verbindung zwischen Gesagtem und Gesehenem herzustellen und sich das entsprechende Wort besser zu merken.

Anreicherungen sollten abschaltbar sein

Jeder Erwachsene und jedes Kind sind Individuen und haben beim Lesen auch eine unterschiedliche Toleranz gegenüber äußeren Reizen. Was für den einen störend wirkt, ist für den anderen unter Umständen ein Mehrwert, der positiv auf das Leseerlebnis  wirken kann. Daher sollten Funktionen wie Read-Along, Soundeffekte und Animationen jederzeit abschaltbar sein. So kann der Umfang von Anreicherungen je nach Lesesituation und Aufmerksamkeitsfähigkeit angepasst werden.

Enhanced E-Books und auch Buch-Apps sind nicht per se schlecht für Kinder. Es ist jedoch erforderlich, dass sich Eltern aktiv und im Vornherein mit den jeweiligen Inhalten auseinandersetzen und die Eignung der Anreicherungen  prüfen. Dann steht dem bedenkenlosen, hoffentlich gemeinsamen Leseerlebnis auch nichts mehr im Wege.

Meine heutige Frage an Sie:
Was ist Ihre Meinung? Sind Enhanced E-Books Gefahr oder Bereicherung für Kinder? Ich freue mich auf angeregte Diskussionen!